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Wildnis
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Wildnis ist â wie Landschaft und Natur â kein naturwissenschaftlicher, sondern ein alltagssprachlicher Begriff fĂźr naturbelassene Landflächen mit unterschiedlichen, kulturell geprägten Bedeutungen. Es gibt zwei verschiedenartige Begriffsbestimmungen:
1. Nach der ersten wird unter Wildnis eine vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Naturlandschaft (Primärnatur) verstanden,cite-ref-1[1] die sich durch naturwissenschaftliche Parameter beschreiben und von Kulturlandschaften, Städten, Landwirtschaftsflächen, Forsten usw. abgrenzen lässt.cite-ref-2[2]cite-ref-bfn-3-0[3] In diesem Sinne kann man noch rund ein Viertel bis ein Drittel der Landoberfläche als Wildnis bezeichnen.
2. Die zweite Begriffsbestimmung ist mit einem Werturteil verbunden. Demnach wird ein Gebiet als Wildnis bezeichnet, wenn ihm die Bedeutung einer Gegenwelt zu irgendeinem kulturellen Ordnungsprinzip zugewiesen wird. Dabei kann die Bewertung sowohl positiv als auch negativ ausfallen: abwertend z. B. als âungezähmte, unordentlicheâ Natur im Gegensatz zur kultivierten Natur, aufwertend z. B. als âunverdorbene, unschuldigeâ Urnatur.cite-ref-4[4]cite-ref-5[5]cite-ref-6[6] Sie ist âdas unbetretene, unberĂźhrte Gelände im Universum dessen, was wir durch Neuzeit und Moderne hindurch als Natur zu erkennen suchtenâ.cite-ref-7[7]
Contents
⢠Neuseeland
⢠Europa
⢠Primäre Wildnis
⢠Bestand
⢠Weltkarte
⢠Nutzwert
⢠Schutzgebiete
⢠Prozessschutz
⢠Umsetzung
⢠Siehe auch
⢠Dokumentarfilme
⢠Literatur
⢠Weblinks
⢠Organisationen
⢠Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Begriffsgeschichte und Etymologie
Der Begriff Wildnis tauchte erstmals im 15. Jahrhundert in den mittelhochdeutschen Formen âwiltnisseâ, âwiltnisâ, âwiltnĂźsseâ oder âwiltnusâ im deutschen Schrifttum auf. Ab dem 17. Jahrhundert setzt sich langsam die Form âWildnisâ durch.cite-ref-grimm-8-0[8] Die Wortbedeutung wird abgeleitet vom Adjektiv âwildâ, das erstmals im Althochdeutschen und Altsächsischen des 8. Jahrhunderts als âwildiâ auftaucht und âunbebautâ, âungezähmtâ oder âfremdâ meint. Das zusammengesetzte Wort âWild-nisâ bedeutet demnach âunbebaute, unkultivierte Gegend mit Ăźppig wucherndem Pflanzenwuchs und ungezähmten Tierenâ.cite-ref-9[9]
Die gleichbedeutenden WĂśrter in den anderen germanischen Sprachen enthalten fast immer den Wortbestandteil âwildâ, der in den meisten Sprachen sehr ähnlich klingt und auf die (rekonstruierte) urgermanische Wurzel *wilthiz bzw. *wilĂžja- zurĂźckgefĂźhrt wird. Deutsch, Englisch, Niederländisch: wild, Schwedisch, Dänisch: vild, Norwegisch: vill, Isländisch: villtur.
Synonyme fĂźr Wildnis sind allgemein âAbgeschiedenheitâ, âMenschenleereâ, âEinĂśdeâ, âĂdlandâ (Ăśde(n) ursprĂźnglich ebenfalls âunbewohntâ, aber auch âunbebautâ).cite-ref-10[10] Das Wort wird heute vorwiegend stellvertretend fĂźr unbewohnte Landschaften wie âSteppeâ, âWĂźsteâ, âUrwaldâ, âHeideâ, âMoorâ u. Ă. verwendet. DarĂźber hinaus steht Wildnis jedoch auch fĂźr solch negativ belegte Begriffe wie âUnfruchtbarkeitâ, âTrostlosigkeitâ, âNutzlosigkeitâ, âVerbannungâ oder âKulturlosigkeitâ.cite-ref-grimm-8-1[8]cite-ref-11[11]
Abgrenzung zu den Kulturlandschaften
Aufgrund einer fehlenden wissenschaftlichen Definition des Begriffes âWildnisâ kommt es immer wieder zu Debatten im Sinne der Behauptung: âSind nicht fast alle Wildnisgebiete eigentlich anthropogen beeinflusste Kulturlandschaften?â Häufig wird dieses Argument verwendet, wenn es um die Erhaltung âintakter Naturlandschaftenâ geht. Es ist unumstritten, dass sich fast Ăźberall auf der Erde mehr oder weniger deutliche Spuren menschlichen Wirtschaftens finden lassen: So stehen bereits Jäger und Sammler der FrĂźhzeit im Verdacht, erheblich an der Bildung der weltweiten FeuerĂśkosysteme (ein GroĂteil der Savannen, subtropische Graslandschaften, Hartlaub-Buschland) beteiligt zu sein. Dennoch bestehen aus Ăśkologischer Perspektive groĂe Unterschiede zwischen der dauerhaft besiedelten und bewohnten Ăkumene und den fast unbesiedelten und nur in geringem Umfang traditionell genutzten â sprich: naturnahen â Gebieten der sogenannten SubĂśkumene (z. B. der Regenwälder am Amazonas, die gern in diesem Zusammenhang genannt werden). So wird hier ein sehr weit gefasster Kulturlandschaftsbegriff bemĂźht, der tatsächlich jedoch in der Fachwelt selten verwendet wird.
âKulturlandschaftâ ist ebenso unscharf und nicht festgelegt wie der Wildnisbegriff.cite-ref-12[12]cite-ref-13[13] Letzten Endes offenbart sich hier die weltanschaulich-philosophische Frage nach dem Unterschied zwischen Mensch und Natur.
âWie Natur ist und wie sie sein soll, bleibt technischen Kulturen im Grunde ein Rätsel.â
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JĂźrgen MittelstraĂ
Definitionen von Wildnis im Sinne des Naturschutzes
Seit mit dem Yellowstone-Nationalpark im Jahre 1872 zum ersten Mal ein groĂes Wildnisgebiet unter Schutz gestellt wurde, entstand die Notwendigkeit, den Begriff genauer zu definieren. Wie man den folgenden Begriffsbestimmungen entnehmen kann, sind die Vorstellungen in dieser Hinsicht sehr unterschiedlich.
Conservation International
Als Wildnis im Sinne der Conservation International gelten Bereiche, in denen 70 oder mehr Prozent der ursprĂźnglichen Vegetation erhalten sind, die mehr als 10.000 Quadratkilometer umfassen und in denen weniger als fĂźnf Menschen pro Quadratkilometer leben. (Unter diese Definition fallen weltweit 37 Gebiete.)
International Union of Conservation Nature
Die International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) definiert Wildnis ebenfalls weniger abhängig von der FlächengrĂśĂe und mehr im Hinblick auf auszuweisende Schutzgebiete (Wilderness Area IUCN Ib):cite-ref-15[15]
âAls Wildnis gilt ein ausgedehntes, ursprĂźngliches oder leicht verändertes Gebiet, das seinen ursprĂźnglichen Charakter bewahrt hat, eine weitgehend ungestĂśrte Lebensraumdynamik und biologische Vielfalt aufweist, in dem keine ständigen Siedlungen sowie sonstige Infrastrukturen mit gravierendem Einfluss existieren und dessen Schutz und Management dazu dienen, seinen ursprĂźnglichen Charakter zu erhalten.â
Neuseeland
In Neuseeland gelten als Wildnis unbewohnte Gebiete, fĂźr die man âmindestens zwei Tagesmärsche zur Durchquerung benĂśtigt.â, das entspricht 1.500â5.000 km².cite-ref-16[16]
Vereinigte Staaten
Unter das Gesetz zum Schutz der Wildnis von 1964 (Wilderness Act) fallen in den Vereinigten Staaten mindestens 20 km² groĂe, unbesiedelte, natĂźrliche Landschaften â oder Inseln, die auch kleiner sein dĂźrfen. Wilderness Areas werden vom US-Kongress durch Gesetz gewidmet. Es gibt 757 (Stand 2012) Wilderness Areas in 44 der 50 US-Bundesstaaten und in Puerto Rico.
Europa
Im Februar 2009 hat das Europaparlament auf Antrag einer Reihe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) eine (nicht rechtlich bindende) Resolution zur Erhaltung von Wildnisgebieten in Europa verabschiedet, die in das Naturschutz-Netzwerk Natura 2000 integriert werden soll. Daraufhin bildeten die NGOs eine Arbeitsgruppe (European Wilderness Working Group) zur Konkretisierung der Empfehlungen, die 2012 abgeschlossen wurden. Darin enthalten ist folgende Definition von Wildnis:
âWildnisgebiete sind groĂe, unveränderte oder nur leicht veränderte Naturgebiete, die von natĂźrlichen Prozessen beherrscht werden und in denen es keine menschlichen Eingriffe, keine Infrastruktur und keine Dauersiedlungen gibt. Sie werden dergestalt geschĂźtzt und betreut, dass ihr natĂźrlicher Zustand erhalten bleibt und sie Menschen die MĂśglichkeit zu besonderen geistig-seelischen Naturerfahrungen bieten.â (European Wilderness Working Group, September 2011, Ăbersetzung von Bernhard Kohler. Programmleiter Biodiversität. WWF Ăsterreich)cite-ref-17[17]cite-ref-18[18]
Die vom WWF initiierte Organisation âPAN Parksâ hat als eine der federfĂźhrenden NGOs dieses Prozesses fĂźr âgroĂe Naturgebieteâ einen Wert von mindestens 100 km² festgelegt.cite-ref-19[19]
Nach der Ăbernahme der PAN Parks durch die European Wilderness Society (EWS) im Jahr 2014 hat die EWS vorgeschlagen, die MindestgrĂśĂe âechter Wildnisâ im Kern solcher Schutzgebiete auf 30 km² festzulegen. Die umgebenden Gebiete agieren als Pufferzone zu bewirtschafteten Regionen und sollen sich dann im Laufe der Zeit ebenso zu Wildnis entwickeln.cite-ref-20[20] Da es in Europa nur noch extrem wenige Gebiete gibt, die die strengen IUCN-Kriterien fĂźr Wildnisgebiete erfĂźllen, wurde darĂźber hinaus von der European Wilderness Working Group eine weitere Definition fĂźr sogenannte âwilde Regionenâ (wild areas) vorgeschlagen:
âWilde Regionen sind naturnahe Lebensräume, deren Entwicklung Ăźberwiegend von natĂźrlichen Prozessen dominiert wird. Sie sind zumeist kleiner oder stärker fragmentiert als Wildnisgebiete, kĂśnnen jedoch auch sehr groĂflächig sein. Der Zustand ihrer Biotope, Prozesse und Artenzusammensetzung zeigt oft deutliche Spuren frĂźherer menschlicher Nutzung und Inanspruchnahme, wie zum Beispiel durch Beweidung, Jagd, Fischerei, Forstwirtschaft, Sportaktivitäten oder andere Folgen menschlicher Aktivitäten.âcite-ref-21[21]
Nordeuropa (ohne Russland)
Die grĂśĂten verbliebenen Wildnisgebiete des westlichen Europas liegen in der SubĂśkumene Fennoskandinaviens und Islands. Finden sich keine markierten Wanderwege oder touristischen Anlagen in zusammenhängenden Gebieten, die grĂśĂer als 1000 km² sind und mehr als 15 km von StraĂen oder Eisenbahnlinien entfernt liegen, spricht man in Schweden von âWildniskernenâ. Nach dieser strengen Festlegung gibt es noch neun Wildniskerne. Sie liegen ausschlieĂlich in der nĂśrdlichsten Provinz Norrbotten und machen 4,5 % der Fläche Schwedens bzw. 14,5 % Norrbottens aus. Alle anderen unbesiedelten Gebiete von mindestens 10 km² (SĂźd- und Mittelschweden) bzw. 20 km² (Nordschweden), die nicht schmaler als 1 km sind, werden als âWeglose Gebieteâ bezeichnet.cite-ref-22[22]
Deutschland
In den am dichtesten besiedelten Ländern Europas (Ăkumene), wo ursprĂźngliche Wildnis praktisch nur noch in den hĂśchsten Bergregionen zu finden ist (z. B. gelten noch 4 % der Alpen als Wildnis) werden notgedrungen auch noch kleinere Mindestflächen als in Nordeuropa anerkannt.
Im Jahr 2007 wurde in der Nationalen Strategie zur Biologischen Vielfalt festgelegt, dass sich auf zwei Prozent der Landfläche Deutschlands Natur nach ihren eigenen GesetzmäĂigkeiten entwickeln soll (Zwei-Prozent-Wildnisziel).cite-ref-23[23] Das Zwei-Prozent-Wildnisziel wurde in der 2024 durch die Bundesregierung verabschiedeten Auflage der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt 2030 (NBS) erneuert: âBis 2030 entwickelt sich auf mindestens zwei Prozent der Fläche Deutschlands die Natur in groĂflächigen Wildnisgebieten, die zusammen mit kleineren Flächen dazu beitragen, dass Prozessschutzflächen den Ăźberwiegenden Teil der streng geschĂźtzten Gebiete im Sinne der EU-Biodiversitätsstrategie ausmachen.âcite-ref-24[24] Wildnisgebiete laut NBS sind âausreichend groĂe, (weitgehend) unzerschnittene, nutzungsfreie Gebiete, die dazu dienen, einen vom Menschen unbeeinflussten Ablauf natĂźrlicher Prozesse dauerhaft zu gewährleisten.âcite-ref-25[25] Das Bundesamt fĂźr Naturschutz konkretisiert im Dokument âQualitätskriterien zur Auswahl von groĂflächigen Wildnisgebieten in Deutschland im Sinne des Zwei-Prozent-Wildnisziels der Nationalen Biodiversitätsstrategieâ das Wildnisgebiete âvorzugsweise eine GrĂśĂe von mindestens 1000 Hektar, in flussbegleitenden Auwäldern, Mooren und an KĂźsten mindestens 500 Hektar aufweisenâcite-ref-0-26-0[26]. Ebenfalls als Wildnisgebiet eingestuft werden die Kernzonen von Nationalparken und groĂflächige, zusammenhängende Kernzonen von UNESCO-Biosphärenreservaten. FĂźr Wildnisgebiete im Sinne der NBS wird dabei keine neue Schutzsgebietskategorie angestrebt, sondern die Erlangung einer Zusatzqualifikation bzw. eines Prädikats.cite-ref-0-26-1[26]
Die Initiative Wildnis in Deutschland â ein Zusammenschluss aus 21 der grĂśĂten Umwelt- und Naturschutzorganisationen in Deutschland â gibt auf ihrer Website drei entscheidende Kriterien fĂźr Wildnisgebiete an: (1) eine ungesteuerte Entwicklung der Natur ohne direkte Eingriffe des Menschen, (2) eine MindestgrĂśĂe von zusammenhängenden 1.000 Hektar (fĂźr Auwälder, KĂźsten, Moore und Seen auch 500 Hektar) oder eine Ausweisung als Nationalpark bzw. grĂśĂere Kernzone eines UNESCO-Biosphärenreservats, (3) das Ziel der Wildnisentwicklung muss dauerhaft abgesichert sein.cite-ref-1-27-0[27] DarĂźber hinaus weist die Initiative Wildnis in Deutschland darauf hin, dass laut ihren Positionen zur Wildnis zu einer ungesteuerten Entwicklung der Natur auch ein Verzicht auf Jagd auf mindestens 75 Prozent der Fläche gehĂśrt.cite-ref-1-27-1[27] Mit zwĂślf Positionen (Stand 2024) legt die Initiative Wildnis in Deutschland Handlungsempfehlungen und gute GrĂźnde dar, warum Wildnis fĂźr die Natur und fĂźr Menschen von groĂer Bedeutung ist.cite-ref-28[28]
Die Initiative Wildnis in Deutschland unterstßtzt das Zwei-Prozent-Wildnisziel der Bundesregierung und setzt sich mit ihren Aktivitäten fßr mehr Wildnis in Deutschland ein.cite-ref-29[29]
Laut der Studie âBilanzierung groĂflächiger Wildnisgebiete in Deutschlandâ gibt es Stand 2024 nur 0,62 Prozent groĂflächige Wildnisgebiete. Die Studie zeigt jedoch auf, dass es auf weiteren 1,67 Prozent der Landfläche Deutschlands das Potenzial fĂźr mehr Wildnis gibt.cite-ref-30[30]
Schweiz
Primäre Wildnis
Bestand
Zur Klassifikation des Wildnisbestandes benĂśtigt man Gradmesser fĂźr die Naturnähe, die eine Einschätzung erlauben, wie stark ein Ăkosystem durch die EinflĂźsse des Menschen verändert wurde. Die Ăkologie bedient sich hier verschiedener âHemerobie-Systemeâ.
Eine Gruppe von 200 Experten der Naturschutzorganisation Conservation International (CI, s. o.) hat errechnet, dass im Jahre 2002 noch 46 % der irdischen Landoberfläche unberĂźhrte und damit schĂźtzenswerte Wildnis war.cite-ref-breuer-32-0[32] 1996 kam CI noch auf 52 %. Der grĂśĂte Anteil liegt in Fels-, Eis- oder WĂźstenregionen, die ohnehin nicht besiedelt werden kĂśnnen. Betrachtet man nur die bewohnbaren Regionen, sind noch rund 25 % wild.cite-ref-33[33] Die unterschiedlichen MaĂstäbe fĂźr Wildnis werden auch dadurch deutlich, dass andere Organisationen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Nach National Geographic z. B. waren 2008 noch 17 % der eisfreien Erdoberfläche (inkl. der Meere) ohne menschliche Eingriffe bzw. ohne Anzeichen menschlichen Tuns,cite-ref-34[34] während die IUCN lediglich 10,9 % relativ unberĂźhrte Natur errechnet hat (Stand 2003).
Die am wenigsten fragmentierte und grĂśĂte einheitliche Wildnisregion der Erde ist die Antarktis. Allerdings besteht sie nahezu ausschlieĂlich aus lebensfeindlichen Eis- und KältewĂźsten. Nahezu genauso groĂ sind die arktischen Tundren und KältewĂźsten. Sie sind zwar teilweise bereits in einem gewissen Grad fragmentiert, beherbergen jedoch weitaus mehr Biomasse. Die drittgrĂśĂte Wildnis der Erde sind die sĂźdlich anschlieĂenden borealen Nadelwälder. Die Artenvielfalt und die Menge der Biomasse sind ungleich hĂśher, aber dieser GroĂraum ist auch deutlich stärker zerschnitten und gefährdet. Fasst man die nordischen Wälder mit der Arktis zusammen, bilden sie die mit Abstand grĂśĂte Wildnis der Welt, die vor allem ganz Alaska sowie groĂe Teile Kanadas und Russlands einnimmt. Platz drei bildet die trockene und zu einem groĂen Teil lebensfeindliche Wildnis der Sahara- und Sahelländer. Etwas mehr als halb so groĂ ist der Amazonas-Urwald, der Brasilien damit zum drittgrĂśĂten Wildnisstaat macht. Nach der Antarktis ist Australien der Kontinent mit dem grĂśĂten Wildnisanteil. Weitere Länder, die noch groĂe Wildnisareale besitzen sind die USA, China, DR Kongo, Indonesien, Kasachstan, Argentinien und Saudi-Arabien.cite-ref-35[35]
Weltweit nur noch mit wenigen Ausnahmen relikthaft vorhanden sind Wildnisgebiete in den subtropischen Vegetationszonen sowie in den Laubwäldern der warmgemäĂigten Zone. Stark gefährdet sind auch die teilweise noch bedeutenden Reste der nordamerikanischen und asiatischen Steppen sowie der sĂźdamerikanischen und afrikanischen Savannenlandschaften.
Weitere Gebiete siehe â folgende Weltkarte (Hinweis: Mauszeiger ohne Klicken auf ein Wildnisgebiete der Weltkarte legen und nicht mehr bewegen, um den Namen des Gebietes zu sehen).
Last of the wild
Die umfassende Studie Last of the wild â Version 2, die 2005 von der Wildlife Conservation Society und dem âCenter for International Earth Science Information Networkâ (CIESIN) an der Columbia University (New York) verĂśffentlicht wurde, kommt auf einen Wert von 16 % âmost wildâ (im Folgenden Ăźbersetzt mit Kernwildnis) und 47 % âlast of the wildâ (im Folgenden Ăźbersetzt mit Wildnischarakter) â ohne BerĂźcksichtigung der Antarktis.
Nicht selten wird in VerÜffentlichungen ein Anteil genannt, bei dem die Fläche der Antarktis nicht in die Berechnungsgrundlage eingeht. Leider ist das oftmals nicht erkennbar. Legt man die komplette Landfläche der Erde zu Grunde, kommt man auf 22 % Kernwildnisgebiete und 51 % Gebiete mit Wildnischarakter (siehe Weltkarte).
Die Studie basiert u. a. auf Satellitendaten der NASA und des Joint Research Centers der Europäischen Kommission.
⢠In einem ersten Schritt wurde der menschliche Einfluss auf die Natur (HII â âHuman influence indexâ) ermittelt und mit Hilfe eines einfachen Punktesystems gewichtet. Dazu wurden Daten zu BevĂślkerungsdichte (0 bis >9,6 Einw./km²), Verkehrswegen (Einfluss je nach Abstand, zumeist <2 km, 2â15 km, >15 km), kĂźnstlich beleuchteten Bereichen der Erdoberfläche (Intensität 0 bis >89), Lage innerhalb oder auĂerhalb verstädterter Gebiete und Art der Landnutzung verwendet.
⢠In einem zweiten Schritt wurden die ermittelten Werte auf die jeweiligen globalen Biomtypen bezogen, um die unterschiedliche Empfindlichkeit verschiedener Ăkosysteme zu berĂźcksichtigen. Dieser Wert wird hier als âmenschlicher FuĂabdruckâ (HFI â âHuman footprint indexâ) bezeichnet (nicht zu verwechseln mit dem âĂśkologischen FuĂabdruckâ). Der HFI wurde anschlieĂend auf eine Skala von 0 (vollständig naturbelassen) bis 100 (vollständig vom Menschen Ăźberprägt) bezogen.
⢠Der letzte Schritt war die Festlegung der Kategorien âlast of the wildâ und âmost wildâ: Die Autoren der Studie bestimmten dazu im ersten Fall alle Gebiete mit einem HFI von kleiner oder gleich 10 und im zweiten Fall von kleiner oder gleich 1. Während die Kernwildnis-Gebiete noch nahezu unbeeinflusst sind, kĂśnnen in den umgebenden âLast-of-the-wild-Gebietenâ zwischen Flächen weitgehend unbeeinflusster Naturlandschaften (mind. 5 km²) auch Siedlungen, Verkehrswege sowie land- oder forstwirtschaftliche Flächen liegen. Dennoch sind die Landschaftsbilder noch Ăźberwiegend von den ursprĂźnglichen Landschaften geprägt.cite-ref-36[36]
Intact Forest Landscapes
Bezogen auf Waldgebiete stĂśĂt die Methodik des Human footprint index (s. o.) an ihre Grenzen, da unberĂźhrte Urwälder aufgrund normaler Satellitenaufnahmen nicht sicher von beeinflussten oder zerstĂśrten Waldgebieten in unbesiedelten Regionen unterschieden werden kĂśnnen. Um die real verbliebene Waldwildnis der Erde zu lokalisieren, hat Greenpeace daher 2005/06 zusammen mit einem Konsortium international anerkannter Wissenschaftler und Organisationen (u. a. Global Forest Watch, ein Netzwerk des World Resources Institute) die Studie Intact Forest Landscapes erstellt.
Siehe auch
:
Urwald
Sonderfall Europa
Maximal 18 % Europas kĂśnnen noch als Wildnis bezeichnet werden. Fast neun Zehntel davon liegen in der Tundra und Taiga Nordeuropas. Davon wiederum befinden sich mehr als zwei Drittel in Nordwest-Russland. Die wilden Landschaften auf Island und in Fennoskandinavien sind bereits deutlich fragmentiert, genĂźgen jedoch noch den strengen Kriterien der IUCN. Rechnet man Europa ohne Russland, erreichen max. 8 % die Kriterien der Studie Last of the wild.
In den dicht besiedelten und seit tausenden von Jahren anthropogen geprägten Biomen Europas auĂerhalb der Nordkalotte haben lediglich sehr kleine Reliktflächen einen Human footprint index von max. 10. Diese naturnahen Landschaften verteilen sich vorwiegend auf unzugängliche Gebirgsregionen. Zumeist handelt es sich dabei um Gebiete, die nicht seit jeher unberĂźhrt geblieben sind, sondern die sich lediglich in einem weitgehend wildnisähnlichen Zustand befinden. Den Status einer âKernwildnisâ erreicht hier lediglich eine einzige Fläche in den sĂźdlichen Westkarpaten (mithin < 0,01 % Europas).
Die Universität von Leeds hat speziell fĂźr Europa (ohne Russland) die Studie Review of status and conservation of wild land in europecite-ref-37[37] angefertigt. Die Methodik entspricht im Prinzip der Studie âLast of the wildâ; die Betrachtung der Ergebnisse wurde jedoch an die vorgenannten besonderen Bedingungen in Europa angepasst. Statt der Festlegung eines absoluten MaĂstabes fĂźr unberĂźhrte Landschaften wurde im Vorhinein festgelegt, die 10 % Europas zu lokalisieren, die noch am ehesten als Wildnis bezeichnet werden kĂśnnen (die Weltkarte zeigt fĂźr die Ăkumene Europas die Flächen dieser Studie). Im globalen Vergleich kommt man fĂźr Europa ohne Russland nur auf wenig mehr als 2 % Kernwildnis.
Nach einer Untersuchung des WWF befinden sich 2 Prozent der Waldfläche Europas gegenwärtig in einem natĂźrlichen Zustand. Panek schätzt, dass der Anteil urwaldähnlicher (unversehrter) Rotbuchenwälder an der gesamten derzeitigen Buchenwaldfläche europaweit bei weit unter 5 % liegt. Bezogen auf die weitaus grĂśĂere Fläche von 907.000 km², auf der ohne menschliche Eingriffe Buchenwald wachsen wĂźrde (potenzielle natĂźrliche Vegetation), liegt der Buchen-Urwaldanteil nur noch unter 0,5 %.cite-ref-greenpeace-38-0[38]
Auf ebenfalls rund 0,5 % schätzt das Bundesamt fĂźr Naturschutz (BfN) den Anteil der Wildnisgebiete in Deutschland an der Gesamtflächecite-ref-39[39] (= ca. 1800 km²). Dabei handelt es sich allerdings nicht um ursprĂźngliche Wildnis, sondern Ăźberwiegend um die Kernzonen der Nationalparks, die seit der Unterschutzstellung ganz sich selbst Ăźberlassen werden. Das Potenzial an neuer (d. h. nicht ursprĂźnglicher) Wildnis liegt in Deutschland auch bei ambitionierter SchutzgebietsgrĂśĂe (Ăźber 1.000 ha) und ohne zerschneidende Infrastruktur bei deutlich Ăźber 3 % der terrestrischen Bundesfläche.cite-ref-40[40]
Weltkarte
Die Grundlage der folgenden Karte ist die ursprßngliche Vegetation der Erde, präziser die potentielle, klimatogene Zonierung, auf die der Mensch mehr oder weniger starken Einfluss ausßbt.
Die Wildnisflächen beruhen auf den Ergebnissen der drei vorgenannten Studien:
⢠Die gering beeinflussten, naturnahen Wildnis-Landschaften sind die Gebiete mit Wildnischarakter der âLast-of-the-wild-Studieâ. Sie weisen einen âHuman footprint Indexâ ⤠10 auf. (Die exakten Flächen dieser Kategorie sind Teil der zoombaren Karten, die Ăźber die âWeblinksâ der jeweiligen Region im Artikel â WWF-Ăkoregion aufgerufen werden kĂśnnen.)
⢠FĂźr die Ăkumene Europas ohne Russland wurden hier abweichend die âTop 10 % wildest areasâ der Studie Review of status and conservation of wild land in europe fĂźr das Kartenbild verwendet. (Die Anteile an den Vegetationszonen in der Tabelle blieben davon jedoch unberĂźhrt.)
⢠Die nahezu unbeeinflusste Kernwildnis zeigt bei unbewaldeten Landschaftstypen die Flächen mit einem HFI ⤠1.
⢠In den potenziellen Waldgebieten wurde stattdessen die Urwaldwildnis der Intact Forest Landscapes zu Grunde gelegt.
Gefährdungen und Schutz
Die derzeit vorrangige Nutzung der verbliebenen Wildnisregionen ist die intensive Ausbeutung der Rohstoffreserven wie Holz, ErdĂśl oder diverse Metallerze sowie die Umwandlung der ursprĂźnglichen Vegetationsdecke zur Schaffung neuer landwirtschaftlicher Flächen. Letzteres steht vor allem in Zusammenhang mit der Soja-Futtermittelproduktion, um den steigenden Fleischkonsum der WeltbevĂślkerung zu decken und dem Anbau von Energiepflanzen als Ersatz fĂźr die schwindenden fossilen Treibstoffe. Aufgrund der häufig weitreichenden NaturzerstĂśrung sind diese Nutzungsformen nicht nur im Kontext âNutzwert der Wildnisâ zu betrachten, da die Wildnis an dieser Stelle in genutztes Land umgewandelt wird und ihren âwilden Charakterâ damit einbĂźĂt. Die Verringerung der verbliebenen Wildnisflächen schreitet in erschreckendem Tempo voran.
Siehe auch
:
Entwaldung
Nach einer Studie der IUCN von 2021 liegt das grĂśĂte Gefährdungspotenzial fĂźr die Weltnaturerbestätten in der Klimaerwärmung, die weltweit in fast allen Gebieten zunehmenden Artenverlust verursacht.cite-ref-44[44] Da das Weltnaturerbe alle Wildnisregionen der Erde punktuell abdeckt, lässt sich diese Aussage auf alle Naturgebiete Ăźbertragen. Die direkten Folgen der globalen Erwärmung sind etwa das Auftauen der PermafrostbĂśden in den polnahen Regionen und Hochgebirgen, häufigere und wesentlich groĂflächigere Waldbrände in borealen, nemoralen und trockenen Wäldern (z. B. Kanada, Sibirien, Kalifornien, Australien), Zunahme von Pflanzenkrankheiten und Schädlingsbefall, DĂźrren in ohnehin trockenen Regionen (Subtropen) sowie in bisher gemäĂigten oder feuchttropischen Regionen, häufigere und grĂśĂere Ăberschwemmungen in kĂźstennahen Ebenen, an Flussauen und anderen FlieĂgewässern.
Zur Bewertung der in der Tabelle genannten Anteile geschĂźtzter Flächen muss man berĂźcksichtigen, dass ein groĂer Teil davon real keinen wirksamen Schutz genieĂt. Nicht wenige Schutzgebiete in Entwicklungsländern sind nach wie vor zerstĂśrenden EinflĂźssen ausgesetzt, da es an Mitteln oder dem politischen Willen mangelt, die Schutzziele umzusetzen. Zudem sind in den Zahlen auch Gebiete enthalten, deren Schutzstatus Management-MaĂnahmen vorsieht oder die vorrangig der Erholung dienen. Solche Ziele entsprechen natĂźrlich nicht dem Wildnisgedanken.
Indigene BevĂślkerungsgruppen
Nahezu alle groĂen Wildnisregionen der Erde sind die Heimat indigener VĂślker, die sich dort seit der Erstbesiedlung an die speziellen Umweltbedingungen angepasst haben. Diese Anpassung bedingte eine Abhängigkeit von einer intakten Umwelt, die vielen VĂślkern bei der Unterwerfung durch die Europäer zum wohl entscheidenden Verhängnis wurde. Vier Beispiele: Den nordamerikanischen Plains-Indianern wurde durch die Vernichtung der Bisonherden die Nahrungsgrundlage entzogen. Die fortschreitende Rodung der sĂźdamerikanischen Regenwälder nimmt den dortigen Indigenen ihren Lebensraum. Marktwirtschaftliche Zwänge nĂśtigen die skandinavischen SĂĄmi zu immer grĂśĂeren Rentierherden, die wiederum die Tundren Ăźberweiden. In jĂźngster Zeit bedrohen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Polarregion die Existenz der Eskimo-VĂślker.
Die wenigsten dieser VĂślker leben noch ausschlieĂlich von ihrer traditionellen Wirtschaftsweise. Wo die ursprĂźnglichen Ăkosysteme noch intakt und ausreichend groĂflächig sind, nutzen einige wenige Indigene die Wildnis jedoch nach wie vor extensiv und an den jeweiligen Naturraum angepasst, indem sie die vorhandenen Ressourcen nachhaltig nutzen, ohne sie zu zerstĂśren. Dabei wirken sie z. T. durchaus auf die Artenzusammensetzung ein, sodass sie als landschaftsverändernder Faktor ein wesentlicher Teil der jeweiligen Wildnisregion sind. So sind z. B. die Regenwälder SĂźdamerikas auch eine vom Menschen geprägte Kulturlandschaft.cite-ref-45[45] Die Bewahrung der kulturellen Identität ist allerdings von Volk zu Volk sehr unterschiedlich und kein einheitliches Merkmal fĂźr sogenannte âNaturvĂślkerâ.
Aufgrund ihrer jahrtausendealten Erfahrungen haben traditionell wirtschaftende indigene VÜlker ein natßrliches Interesse an der Unversehrtheit ihrer Umwelt. Dennoch werden ihre Wohn- oder Nutzungsrechte an verschiedenen Wildnisgebieten von manchen Staaten nicht anerkannt. Solche vÜlkerrechtlich bedenklichen Eingriffe in die Gewohnheitsrechte der Indigenen sind zum Beispiel aus Ländern wie den USA, Kanada, Brasilien, Schweden oder Russland bekannt.cite-ref-46[46] Häufig handelt es sich dabei um Landrechtskonflikte bei der Vergabe von Konzessionen zur Ausbeutung wertvoller Ressourcen an internationale Konzerne in Gebieten, die nie rechtswirksam von den Indigenen ßbereignet wurden. Da diese Menschen die Wildnis sehr genau kennen, wird von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen wie dem WWFcite-ref-47[47] oder der Gesellschaft fßr bedrohte VÜlkercite-ref-48[48] darauf hingewiesen, das ßberlieferte Wissen der Indigenen und ihre traditionellen Lebensweisen zu achten.
Siehe auch
:
Indigene VĂślker#Konfliktfelder
und Konfliktfelder der indigenen VĂślker
Nutzwert
Als Lebensraum bedrohter Tiere und Pflanzen spielen die verbliebenen Wildnisgebiete eine herausragende Rolle bei der Erhaltung der Artenvielfalt. Der grĂśĂte Nutzen fĂźr den Menschen liegt vorrangig in ihrer Bedeutung als letzte intakte âFunktionszusammenhängeâ der Biosphäre. Dies wird besonders heute deutlich, seit der anthropogen verursachte Klimawandel die Stabilität der irdischen Lebensgemeinschaften bedroht. So erzeugen z. B. die Regenwälder groĂe Mengen Sauerstoff und binden ebenso groĂe Mengen Kohlendioxid. Zugleich bestimmen sie maĂgeblich den Wasserhaushalt in den Tropen. Ăhnlich wichtig ist die Speicherung des hoch-klimaschädlichen Methangases in den dauergefrorenen Torflagerstätten der Polargebiete. Grundsätzlich gelten intakte Naturgebiete als Garant fĂźr gesunde BĂśden, sauberes Wasser und saubere Luft. DarĂźber hinaus wird vor allem in den artenreichen Regenwäldern eine groĂe Zahl noch unentdeckter Substanzen vermutet, die in der Medizin oder Chemie äuĂerst nutzbringend sein kĂśnnten. Die Nutzung dieser Ressourcen setzt jedoch intakte Ăkosysteme voraus, die leider in groĂem Tempo immer weiter degradiert werden.
Ein weiterer, nicht zu vernachlässigender âNutzwertâ der Wildnis liegt sicherlich auch in ihrer Bedeutung als âRegenerationsraumâ des modernen Menschen, denn sie Ăźbt auf viele Menschen eine groĂe Faszination aus. Daher wird der Begriff âWildnisâ in Werbung, Fernsehen (z. B. Tiere vor der Kamera) und Literatur oftmals verbunden mit Abenteuerlust und UrsprĂźnglichkeit. Dabei wird allerdings meistens ein romantisiertes Bild aufgebaut, das den unerfahrenen Besucher, der die Wildnis einmal hautnah erleben mĂśchte, schnell in gefährliche Situationen bringen kann. Insbesondere die Orientierung in weglosem Gelände stellt besondere Anforderungen an den Besucher. Echte Wildnis ist kein Garten Eden, sondern eher ein Naturraum, âder in der Lage ist, den Menschen â je nach dessen Fähigkeiten â in seiner physischen Existenz zu gefährdenâ (Zitat Herwig Decker).cite-ref-decker-49-0[49] Wer weglose Wildnisgebiete bereisen mĂśchte, sollte sich daher fĂźr eine gefĂźhrte Tour entscheiden.
Nicht erfasste Kriterien
Alle genannten Charakterisierungen von Wildnisgebieten beziehen sich nur auf die Faktoren Besiedlung, Vegetation und Nutzung, sodass daraus nicht grundsätzlich auf vollkommen unveränderte Naturzusammenhänge geschlossen werden kann. Vor allem Veränderungen in der Zusammensetzung der Tierwelt werden nicht berĂźcksichtigt, obwohl Anzahl und Artenspektrum der Tiere einen wesentlichen Einfluss auf das Aussehen der Landschaft haben. Besonders deutlich wird dies bei einem Blick auf Mitteleuropa, wo die Veränderung des Artenspektrums durch menschliche EinflĂźsse nicht erst seit dem 20. Jahrhundert stattfindet. Bereits im Laufe des Mittelalters wurden die groĂen Weidetiere Auerochse, Elch, Wildpferd und Wisent ausgerottet oder auf unbedeutende Restbestände dezimiert. Später kamen Bestandsdezimierungen oder Ausrottungen der groĂen Räuber Bär, Wolf und Luchs hinzu, sodass von einer natĂźrlichen Zusammensetzung seit Langem keine Rede mehr sein kann.cite-ref-50[50] Eine ähnlich dramatische Dezimierung der Tierwelt findet zurzeit vor allem in den tropischen Wildnisgebieten statt, wie man den Berichten der groĂen Naturschutzorganisationen allenthalben entnehmen kann. Weitere negative EinflĂźsse auf die Lebewelt der Wildnis, die nicht berĂźcksichtigt werden, gehen von der Luftverschmutzung aus. Hier spielt zum Beispiel die Versauerung der BĂśden oder der dĂźngende Effekt der Stickstoffeinträge in der Nähe industrieller Zentren eine Rolle. Die grĂśĂten Veränderungen der Natur wird jedoch der globale Klimawandel verursachen, der zu dramatischen Wetterextremen wie Ăberflutungen und DĂźrren sowie zu einer Verschiebung der Klima- und Vegetationszonen nach Norden fĂźhrt.
Sekundäre Wildnis
Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert gab es Stimmen, die die Erhaltung oder Wiederherstellung eines âNaturzustandesâ fĂźr einige Gebiete forderten. In dieser Zeit drohten die letzten Wälder der Verkohlung fĂźr die Metallverarbeitung zum Opfer zu fallen und es entstanden erste Naturschutzvereine.
Heute, wo in Mitteleuropa praktisch keine Primärwildnis mehr existiert, wurde der Gedanke aus den 1990er Jahren aufgegriffen, geeignete Gebiete sich selbst zu Ăźberlassen und nicht mehr pflegend einzugreifen, wie es der Naturschutz bis dahin vorsah. Wald ist die potentielle natĂźrliche Vegetation der grĂśĂten Teile Europas. In Deutschland war einer der Vorreiter der Idee sekundärer Wildnis Hans Bibelriether, langjähriger Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, der sich fĂźr die Entwicklung neuer Urwälder im Park einsetzte. Neben wissenschaftlichen GrĂźnden zur Erforschung natĂźrlicher Prozesse wollte Bibelriether gegen die zunehmende Naturentfremdung ein Bewusstsein fĂźr Wildnis als âunzerstĂśrten Naturschatzâ wecken.
Eine groĂe Anzahl geschĂźtzter Naturgebiete in Mitteleuropa sind keine Wildnis, sondern ehemals extensiv genutzte Kulturlandschaften wie Heiden, Bergweidegebiete, Offenlandbereiche oder Hutewälder. Diese Lebensräume bedĂźrfen der Pflege, um erhalten zu werden. Ohne diese MaĂnahmen wĂźrden sie verbuschen und sich schlieĂlich in Wälder verwandeln. Zum anderen hat sich aber auch gezeigt, dass die Primärwälder in Europa bis auf wenige inselartige Gebiete verloren sind und sich selbst Ăźberlassene Wälder nur in Ausnahmefällen in einen wie auch immer gearteten âOriginalzustandâ verfallen kĂśnnen. Daher ist man von einer zu strengen Fixierung auf den UnberĂźhrtheitsgedanken wieder abgekommen und erarbeitet Konzepte von Landschaftspflege und integrierten Kulturlandschafts- und Sekundärwildnisbereichen.
Weltweit ist dort, wo der Mensch sich aus dem Landschaftsraum zurĂźckzieht, häufig Versteppung oder gar WĂźstenbildung zu beobachten. Dies ist ein Zustand, der â obwohl dem Wildnisbegriff genau entsprechend â als unerwĂźnscht oder bedrohlich angesehen wird. Ob diese Prozesse als ânatĂźrlichâ gedeutet werden kĂśnnen, wurde im Kontext Klimaveränderung / globale Erwärmung noch nicht festgelegt.
Naturschutzkonzepte
Schutzgebiete
Als Reaktion auf die âWildernessâ-Bewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts gibt es in den USA bereits seit 1964 gesetzlich geschĂźtzte âWilderness Areasâ (s. o.), die rund 4,6 % der amerikanischen Gesamtfläche (= 443.000 km²) umfassen (Stand 2012). Die weitaus grĂśĂten Gebiete davon liegen im Bundesstaat Alaska.
Seit 1997 gibt es auch in Europa eine Schutzgebietskategorie, die speziell fĂźr Wildnis(entwicklungs)gebiete eingerichtet wurde, die âPAN Parksâ und âPAN Park Wildnispartnerâ. Im April 2013 gehĂśrten 7670 km² Flächen innerhalb bestehender GroĂschutzgebiete dazu, das entspricht 0,08 % der Fläche Europas. 2014 Ăźbernahm die âEuropean Wilderness Societyâ (Sitz in Ăsterreich) die fĂźhrende Rolle im europäischen Wildnisschutz. Sie lĂśst die mittlerweile insolvente PAN Parks Foundation ab und hat deren zertifizierte Wildnisgebiete in ihren Bestand Ăźbernommen. Auf der Internetseite der EWS werden die Wildnisgebiete in die drei Gruppen âCertified Wilderness Areasâ, âWilderness Areasâ und âPotential Wilderness Areas in Europeâ unterteilt. Alle Gruppen sind im European Wilderness Networkcite-ref-51[51] vereint.cite-ref-52[52]
Auf globaler Ebene wurden primäre Wildnisgebiete im Rahmen der Kategorienfindung der IUCN fßr international gßltige Schutzgebietsstandards in die hÜchste Schutzstufe (Kategorie Ia und Ib) eingruppiert. Etwa 1,1 % der irdischen Landfläche fielen 2005 unter diese Schutzkategorien.
Die häufigste Schutzgebietsform fĂźr groĂe unzerstĂśrte Naturräume ist der Nationalpark (s. u.).
Flächenunabhängige Konzepte
Dem Begriff des Wildnisgebiets liegt immer der eines zusammenhängenden Raumes zugrunde.
Mario Broggi, der Leiter der Eidg. Forschungsanstalt fĂźr Wald, Schnee und Landschaft (WSL) hat eine von der GrĂśĂe unabhängige Definition verfasst, die in der Literatur als âkleinster, gemeinsamer Wildnisnennerâ bezeichnet wird:cite-ref-schweiz-53-0[53]
âUnter Wildnis wird jener Raum verstanden, in dem wir jede Nutzung und Gestaltung bewusst unterlassen, in dem natĂźrliche Prozesse ablaufen kĂśnnen, ohne dass der Mensch denkt und lenkt, in dem sich Ungeplantes und Unvorhergesehenes entwickeln kann.â
Prozessschutz
Der von dem deutschen ForstĂśkologen Knut Sturm geprägte Begriff Prozessschutz wird in der Diskussion häufig mit Wildnisentwicklung gleichgesetzt. Zufällige, natĂźrliche Vorgänge der StĂśrungsĂśkologie wie Sturm, Brand oder Schädlinge, die in der Wildnis ungehindert wirken kĂśnnen, spielen bei dieser Naturschutzstrategie durchaus eine wichtige Rolle (Zitat Sturm: âStĂśrungen und Konkurrenz mĂźssen wirken dĂźrfenâ). Allerdings galt dies im ursprĂźnglichen Sinne nur auf begrenzten, mosaikartigen Teilflächen in Wirtschaftswäldern. Das heiĂt, die natĂźrliche Dynamik von Wildnis- (sprich: Urwald-) Inseln im Wirtschaftswald soll genutzt werden.cite-ref-54[54]
Die neuere Definition erstreckt sich nicht mehr nur auf Wälder, und es wird nunmehr zwischen segregativem und integrativem Prozessschutz unterschieden. Beim segregativen Prozessschutz steht die vollkommen ungesteuerte Naturentwicklung zu wildnisähnlichen Lebensräumen im Mittelpunkt. Dagegen findet beim integrativen Prozessschutz eine Bewertung der natßrlichen Prozesse statt, die entsprechend den bewusst formulierten Zielen einer bestimmten Landschaftsentwicklung zugelassen oder verhindert werden.cite-ref-55[55]
Umgesetzt werden diese Konzepte in Schutzgebieten mit der Deklarierung von Kernzonen, die vollkommen unberßhrt bleiben sollen, und Rand- und Pufferzonen, in denen anthropogene Einflßsse abgefangen werden, oder in verschiedenen Konzepten von Schutzgebietsklassen (Schongebiete, Sperrzonen, temporäre Regelungen). Ein vorbildliches Beispiel fßr diese Schutzstrategie liefern die europäischen PAN Parks.
Umsetzung
Nationalparks
Nach den international gßltigen Kategorien der IUCN mßssen in einem Nationalpark (Kategorie II) mindestens 75 % der Fläche sich selbst ßberlassen bleiben und dßrfen in keiner Weise genutzt werden.
Dieser Standard findet sich auch im deutschen Bundesnaturschutzgesetz wieder: § 24 (2) âNationalparke haben zum Ziel, im Ăźberwiegenden Teil ihres Gebiets den mĂśglichst ungestĂśrten Ablauf der Naturvorgänge in ihrer natĂźrlichen Dynamik zu gewährleisten.â In Deutschland erreichen bis auf zwei Nationalparks alle diese strengen Anforderungen. Allerdings wird es noch viele Jahrzehnte dauern, bis in einem deutschen Nationalpark tatsächlich wieder von Wildnis gesprochen werden kann. In anderen Ländern orientiert man sich nicht unbedingt an den IUCN-Kategorien. Die Nationalparks der Niederlande unterliegen beispielsweise weitaus schwächeren Schutzkriterien, sodass hier noch weniger von der Entwicklung sekundärer Wildnis die Rede sein kann.
Andere Schutzkonzepte
Bereits in den 1970er Jahren begann man in Deutschland aus wissenschaftlichem Interesse, kleine naturnahe Waldinseln als Dauerversuchsflächen (Naturwaldreservate, Naturwaldzellen, Totalreservate) auszuweisen, die ihrer ungestĂśrten biologischen Entwicklung Ăźberlassen wurden. Es unterbleibt jegliche forstliche Nutzung und direkte Beeinträchtigung. Diese Schutzgebiete sind ein Beispiel fĂźr die Strategie des integrativen Prozessschutzes (s. o.) auf Landesebene. Sie werden je nach Bundesland unterschiedlich benannt. Viele Landes-Forstverwaltungen bezeichnen diese Reservate gern als âUrwälder von morgenâ. Aufgrund der geringen FlächengrĂśĂe von durchschnittlich rund 0,37 km² (bezogen auf insgesamt 719 Reservate dieser Art) und nur 0,3 Prozent der Waldfläche Deutschlands ist diese Bezeichnung jedoch sicherlich zu euphorisch. Fachleute geben die MindestgrĂśĂe von Naturwaldreservaten mit 0,5â1,0 km² an.cite-ref-greenpeace-38-1[38]
In den anderen Schutzgebietstypen (Naturschutzgebiete, FFH-Gebiete, Vogelschutzgebiete, geschĂźtzte Biotope nach jeweiligem Landesrecht etc.) hat der Prozessschutz in der Regel eine geringere Bedeutung. Die Schutzbestimmungen werden individuell festgelegt und zielen vielfach auf die Erhaltung anthropogen gestalteter, artenreicher Naturlandschaften wie z. B. Heiden und anderer Offenlandbiotope, die sich ohne PflegemaĂnahmen in â zumeist artenärmere â Waldbiotope verwandeln wĂźrden (s. o.).
Unter anderem aufgrund der geringen FlächengrĂśĂen liegt Deutschland in der unteren Hälfte einer europäischen Rangliste zum Waldschutz. Die Schweiz belegt in dieser Bewertung den ersten Platz.cite-ref-nabu-56-0[56]
Wildnisentwicklungsgebiete
Wie bereits im Abschnitt Primäre Wildnis dargestellt, muss auch die potentielle Tierwelt berßcksichtigt werden, wenn das Naturschutzziel die Wiederherstellung der natßrlichen Prozesse eines Gebietes sein soll.
FĂźr Mitteleuropa ging man lange Zeit davon aus, dass die gesamte Landfläche bis auf einige Moore, Auen und Berge von Wald bedeckt war. Nach umfangreichen Pollenanalysen in verschiedenen Bodenschichten vertreten manche Wissenschaftler seit den 1980er Jahren jedoch vermehrt die Theorie, dass grĂśĂere Teile Mitteleuropas doch nicht so dicht bewaldet, sondern eher mit offenen Graslandbereichen durchsetzt waren. Die Erklärung dafĂźr seien neben StĂźrmen und DĂźrren auch Herden groĂer Pflanzenfresser, die den Wald â vor allem an mageren Tieflandstandorten â kurz hielten (siehe Megaherbivorenhypothese und Mosaik-Zyklus-Konzept). Besonders in den Niederlanden und in Belgien werden diese Theorien bei der Wiederherstellung von âneuer Wildnisâ berĂźcksichtigt und erforscht. Ein herausragendes Beispiel dafĂźr ist das Gebiet Oostvaardersplassen in Holland, wo in einer aufgelassenen KĂźstenlandschaft groĂe Herden von Rothirschen und sogenannte AbbildzĂźchtungen von Wildpferden (Koniks) und Rinder (Heckrinder) leben. Der Eingriff des Menschen ist hier ausschlieĂlich auf die Bejagung kranker und Entfernung toter Tiere beschränkt, um die fehlenden Beutegreifer zu ersetzen. Nach den Vorstellungen der niederländischen NaturschĂźtzer sollte das Gebiet deutlich vergrĂśĂert werden und schlieĂlich zu einem vernetzten Verbund ähnlicher Schutzgebiete erweitert werden, der u. a. bis an die Lippe reichen kĂśnnte. Die Voraussetzungen am Niederrhein sind naturräumlich gĂźnstig, und auch in Deutschland finden sich genĂźgend BefĂźrworter der Megaherbivorentheorie. In den VerĂśffentlichungen des Bundesamtes fĂźr Naturschutz (BfN) spricht man in diesem Zusammenhang von Wildnisentwicklungsgebiet,cite-ref-bfn-3-1[3] fĂźr die das folgende Leitbild formuliert wurde: âIn Deutschland gibt es in der Zukunft wieder groĂflächige Wildnisgebiete (Zielkorridor 2 % der Gesamtfläche Deutschlands bis zum Jahre 2020), in denen Entwicklungsprozesse natĂźrlich und ungestĂśrt ablaufen und die weitere Evolution der Arten und Lebensgemeinschaften stattfinden kannâ.cite-ref-greenpeace-38-2[38] In den Niederlanden wird der Begriff Naturentwicklungsgebiet verwendet.
Erste Beispiele dieser Naturschutzstrategie finden sich im NSG KĂśnigsbrĂźcker Heide und beim Hutewaldprojekt im Solling. GroĂe Herden wilder Weidetiere benĂśtigen groĂe âwilde Weidenâ, sodass vor allem die Nationalparks, ehemalige TruppenĂźbungsplätze und Bergbaufolgelandschaften in Frage kämen. Wie ernst die Verwilderung groĂer Landschaften genommen wird, zeigt die Empfehlung einer Studie des Berlin-Instituts fĂźr BevĂślkerung und Entwicklung an den brandenburgischen Landtag, ohnehin dĂźnnbesiedelte Landstriche mit Hilfe von Abwanderungsprämien gänzlich zu entvĂślkern und in Ăśkologisch und touristisch attraktive Wildnisgebiete umzuwandeln.cite-ref-57[57] Vergleichbare Projekte auĂerhalb Europas sind ein Pleistozän-Park in Nordostsibirien und das Mahazat-as-Sayd-Schutzgebiet in der Arabischen WĂźste.
Wildnis im kulturellen Kontext
Geschichtliche Entwicklung
In frĂźhen (Ackerbau-)Kulturen bildete das bewirtschaftete Kulturland nur Inseln in einer groĂen Wildnis. Wo das Kulturland mit der Zeit zu einer zusammenhängenden Fläche zusammenwuchs, kehrte sich die Situation um. Die restlichen Wildnisinseln wurden ursprĂźnglich als Forst bezeichnet. Einerseits sicherten sich viele Herrscher ausgedehnte Jagdreviere, die nicht urbar gemacht werden durften und daher lange Zeit ihren Wildnischarakter behielten. Zum anderen gab es Grenzwälder entlang strittiger Grenzen wie den Sachsenwald (Limes Saxoniae) zwischen sächsischem und slawischem Siedlungsgebiet im heutigen Schleswig-Holstein. Derartige Grenzwildnisse wurden mancherorts durch VerwĂźstung von Siedlungen in jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Kleinkriegen kĂźnstlich erhalten. So wurde z. B. der SĂźden (späteres Masuren) und Osten des preuĂischen Ordenslandes zunächst gezielt entvĂślkert und erst nach vertraglicher Grenzfestlegung (Frieden von Melnosee) wieder besiedelt.cite-ref-58[58] Derartige Gebiete wurden an den Ostgrenzen des deutschen Sprachgebietes allgemein als Wildnisse bezeichnet. So ist auch die mittelalterliche âWildnis Bauskeâ im Baltikum im Zusammenhang mit den LitauerzĂźgen des Deutschen Ordens entstanden.
Die Bewertung der Wildheit
Das altehrwĂźrdige WĂśrterbuch der GebrĂźder Grimm gibt Auskunft Ăźber die Bedeutung des Wortes in historischer Zeit. Da heiĂt es z. B.: âdie grundbedeutung ist eine weitere, als der heutige gebrauch vermuthen läszt. das wort bezeichnet (âŚ) ganz allgemein âwildheit, etwas wildesâ, sowohl zuständlich als gegenständlich (âŚ) der alten sprache fremd ist die heutige bildliche verwendung von wildnis fĂźr âĂźppigwuchernde fĂźlle, hemmende noth, geistige verwirrungâ.â Weiter steht dort: âdie gewĂśhnliche, ältere Vorstellung scheint fast nur die unfreundlichen ZĂźge des bildes zu bemerken.â So spricht Luther von der âgrausamen wildnuszâ oder benutzt den Begriff fĂźr âVerwirrungâ, âverwildernâ und âverirrenâ, während Schambach Wildnis und Anarchie gleichsetzt.cite-ref-grimm-8-2[8]
Die ursprĂźnglich negative Belegung des Begriffes zeigt, dass die Abneigung gegen die Wildnis tief in uns verwurzelt ist. Bei unseren Vorfahren war die Wildnis der Gegenpart zur Kultur: die ungezähmte, gefährliche und unkontrollierbare Urnatur, das âUnbewohnbareâ, die allenfalls nur stĂśrend in die vom Menschen geschaffene Kultur, die Ăkumene, eingreift.
Im Zeitalter der Aufklärung wurde der Begriff zunehmend positiv belegt. Er findet sich in AusdrĂźcken wie âwildromatische Landschaftâ oder âwilde Bergweltâ als Inbegriff des NaturschĂśnen oder des Reizvoll-Abenteuerlichen sowie im Konzept des âedlen Wildenâ als VerkĂśrperung des verlorenen Gartens Eden im Sinne Rousseaus. Diese Vorstellungen finden ihre Fortsetzung in der auf die amerikanischen Romantiker zurĂźckgehende Wilderness-Bewegung, die die Wildnis als Leitbild des âFreienâ sieht, ähnlich wie im modernen Naturschutzgedanken.
Bis heute liegt dem Begriff die beschriebene Mehrdeutigkeit zugrunde (etwa: Wildbach als der ungezähmte, unverbaute und Ăźberschwemmungsgefährliche Fluss; dagegen Wildwasser als sportlich herausforderndes Ambiente). Der Historiker Roderick Nash sieht das Substantiv âWildnisâ als irrefĂźhrende Verdinglichung des Adjektives âwildâ. Er schreibt: âEs gibt Wildnis nicht als eigentliches, materielles Objekt. Der Terminus beschreibt eine Eigenschaft (âŚ), die in einem bestimmten Individuum eine bestimmte Stimmung oder ein bestimmtes GefĂźhl erzeugt.â Tatsächlich ist der heutige Gebrauch des Wortes sehr mehrdeutig. Während der eine damit seine Abneigung gegen einen verwilderten Garten ausdrĂźckt, spricht der andere respektvoll von der âWeisheit der Wildnisâ. Der Ăkologe Wolfgang Scherzinger bezeichnete diesen Widerspruch im Wildnisbegriff als âSpannungsfeld zwischen Ehrfurcht und Furcht, Staunen und Schauern, Begeisterung und BestĂźrzung, Sehnsucht und Angst, Geborgenheit und Hilflosigkeitâ.cite-ref-decker-49-1[49]
Heutige Bedeutung des Begriffes und die Wildnisdebatte
Aktuell wird die Rolle der Wildnis unter dem Stichwort Wildnisdebatte â im englischsprachigen Raum als wilderness-Debatte âcite-ref-59[59] diskutiert.cite-ref-dpwild-60-0[60] Sie betrifft einen weitverbreiteten Wandel der Wahrnehmung von Wäldern und Bergen als bedrohten, sensiblen und schĂźtzenswerten Ăkosystemen zu einer regelrechten Sehnsucht, einem Wunsch nach Wildnis als kulturellem Phänomen.cite-ref-61[61] Die dazu notwendige aktive Wiederherstellung von Wildnis durch menschliches Zutun erscheint paradox, was in Titeln wie âBeim nächsten Wald wird alles andersâ oder âWa(h)re Wildnisâ zum Ausdruck kommt.cite-ref-boehmer-62-0[62] DarĂźber hinaus kommen ästhetische Punkte zum Tragen â Urwälder werden akzeptiert und gefordert. (Borkenkäferbefall, Windwurfflächen und Waldbrandfolgen sollen aber mĂśglichst schnell wieder beseitigt werden.)cite-ref-63[63]
Eine der wesentlichen Motivationen, die Wildnis aufzusuchen oder sie im Naturschutz als Leitbild zu formulieren, liege in ihrem Kontrast zur modernen Zivilisation wie in Freiheitserfahrungen im weitesten Sinn.cite-ref-dpwild-60-1[60] Drei Freiheitsaspekte werden in deutschen Quellen unterschieden. Zum einen die Waldfreiheit des konservativen Wilhelm Heinrich Riehl, der im Rahmen einer organisch-konservativen Weltanschauung den Wald als Jungbrunnen des Volkes charakterisierte. Dem gegenßber steht eine aufklärerisch-liberale Perspektive einer emanzipatorischen Freiheit und Autonomie in der Wildnis und Natur wie als dritter Aspekt das romantisch innerliche Freiheitsgefßhl.cite-ref-64[64] Dabei unterscheidet sich der mitteleuropäische Wildnisbegriff durchaus vom Wildnisbegriff der älteren Wilderness-Debatte in den USA.cite-ref-65[65] Ursachen liegen unter anderem im sinkenden Flächenbedarf in der Land- und Forstwirtschaft, der Entscheidungen ßber die Verwilderung zahlreicher Flächen notwendig macht.cite-ref-66[66]
Aus philosophischer Sicht kommt bei der Wildnisdebatte unter dem Stichwort Wildnis und Tod die vergleichsweise kurze Lebensspanne des Menschen zum Ausdruck. Langfristige Entwicklungen in der Natur kĂśnnen wir nur episodisch begleiten. Bei der Borkenkäfer-Diskussion im Bayerischen Wald gingen Menschen auf die StraĂe, die das fĂźr andere Anliegen nie getan hätten, mit Aussagen wie âWas nĂźtzt es uns, wenn in 70 Jahren ein neuer Wald entstehen wird. Wir haben nichts mehr davon.â Unterschwellig bedingt die MĂśglichkeit, in der Wildnis sterben zu kĂśnnen, vielleicht den stärksten Widerstand beim Versuch, Wildnis zu akzeptieren. Echte Wildnis ist ein Naturraum, der in der Lage ist, den Menschen â je nach dessen Fähigkeiten â in seiner physischen Existenz zu gefährden. Wildnis beginnt fĂźr jeden dort, wo er â bewusst oder unbewusst und je nach persĂśnlicher Disposition â Lebensgefahr spĂźrt.cite-ref-67[67]
Eine ideen- bzw. kulturgeschichtlich fundierte, systematische Analyse der heutigen âSehnsucht nach Wildnisâ mit einer Unterscheidung (1) von voraufklärerischen, aufklärerischen und aufklärungskritischen Wildnisideen sowie (2) einer Charakterisierung der heutigen Bedeutungen der Wildnistypen Berge, Dschungel, Wildfluss und Stadtbrachen liefern HaĂ u. a.cite-ref-68[68]
Der Umwelthistoriker William Cronon betrachtet die Idee unberĂźhrter Wildnis als Idealvorstellung von Menschen, die nie direkt in und von ihrer Umwelt leben mussten. Er beruft sich dabei auf die amerikanische Geschichte: Bereits die Ureinwohner hätten ihre Umwelt gestaltet, sodass man keineswegs mehr von unberĂźhrt sprechen kĂśnne. Einige NaturschĂźtzer sahen darin eine unangemessene moralische Position in der naturwissenschaftlichen Diskussion und warfen ihm Anthropozentrismus vor. Er wĂźrde dem Menschen damit eine zu hohe Stellung in der Hierarchie des Lebens einräumen und seine Rolle in der vorkolumbischen Ăra Ăźberbewerten. Dies sei kontraproduktiv fĂźr die Bestrebungen zum Wildnisschutz. Cronons Absicht zielt jedoch gar nicht auf die Rolle des Menschen in der Vergangenheit, sondern auf die Zukunft des Naturschutzes: Nach seiner Ansicht sei eine kategorische Trennung von Mensch und Natur eine gefährliche Ideologie, die den Menschen noch mehr von der Natur entfremden und verhindern wĂźrde, eine ethisch und Ăśkologisch korrekte, nachhaltige Nutzung der Wildnis zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund wurde Cronon in den Vorstand der The Wilderness Society berufen, die sich um die Erhaltung von Amerikas Wildnisgebieten kĂźmmert.cite-ref-69[69]
Konfliktpotential
Sowohl in der Ăffentlichkeit als auch in der Wissenschaft hat Wildnisschutz und -entwicklung ein groĂes Konfliktpotential, was unter anderem auf unterschiedliche Auffassungen und Bewertungen von Wildnis zurĂźckzufĂźhren ist.cite-ref-70[70]
Ăffentlichkeit
Bereits bei der Etymologie des Begriffes âWildnisâ (s. o.) wurde deutlich, dass die negative Bedeutung tief in uns verwurzelt ist. Viele âun-Worteâ wie unschĂśn, ungepflegt, unberechenbar, unproduktiv oder unordentlich werden mit Wildnis in Verbindung gebracht. Seit Urzeiten bemĂźht sich der Mensch, Wildnis zu zähmen und zu kultivieren. Erst seit vergleichsweise kurzer Zeit spricht man von einem Schutz der Wildnis. Handelt es sich um Gebiete in fernen Ländern, ist die BevĂślkerung meist positiv eingestellt. Bei direkter Konfrontation jedoch bricht sich die alte Abneigung sehr schnell Bahn. Ein Beispiel sind die monatelangen Tumulte der Anwohner des Nationalparks Bayerischer Wald, als es aufgrund der groĂen Totholzmengen im Wald zu einer explosionsartigen Vermehrung des Borkenkäfers kam.cite-ref-decker-49-2[49] Da sich Wildnisentwicklung nicht planen lässt und einem stetigen, unvorhersehbarem Wandel unterliegt, erfordert es ein groĂes MaĂ an Vertrauen in die Natur, auch solche Entwicklungen zu akzeptieren. âWer eine Entwicklung zur Wildnis wirklich akzeptiert, der muss den Borkenkäfer und den Birkenspanner genauso akzeptieren wie Wolf, Luchs oder Wisent.âcite-ref-boehmer-62-1[62] Um dies zu erreichen, sollten daher die BedĂźrfnisse und Vorstellungen der BevĂślkerung frĂźhzeitig mit berĂźcksichtigt werden. In der Schweiz hat man aus den Problemen in Bayern gelernt und das Meinungsspektrum mĂśglichst vieler Bewohner und potenzieller Nutzer bei der Ausweisung von Wildnisgebieten ermittelt. Interessanterweise stimmten die meisten Schweizer den typischen Merkmalen von Wildnis in wissenschaftlichen Positionen zu, obwohl sie sich andererseits Wanderwege, Feuerstellen und Besucherparkplätze wĂźnschten. Die Gebiete sollen demnach zwar verwildern dĂźrfen, aber nicht komplett fĂźr die menschliche (Freizeit-)Nutzung gesperrt werden. Um den WĂźnschen der BevĂślkerung nachzukommen, bĂśte sich eine Einteilung der Gebiete in verschieden stark geschĂźtzte Zonen an, wie es von Nationalparks bekannt ist.cite-ref-schweiz-53-1[53] Ein Beispiel fĂźr eine solche Zonierung bietet Ăsterreich mit dem Wildnisgebiet DĂźrrenstein.
Naturschutz
In den Reihen der NaturschĂźtzer und Wissenschaftler gibt es ebenfalls einige Bedenken gegen den Wildnisschutz, sofern darunter ein absolutes âNichteingreifenâ verstanden wird:cite-ref-boehmer-62-2[62]
⢠Die meisten Offenlandbiotope Mitteleuropas benĂśtigen Pflege, um das jeweilige Artenspektrum zu erhalten. Bei einer Wildnisentwicklung auf Offenlandstandorten gingen naturschutzfachlich teils besonders wertvolle, auf Offenhaltung angewiesene Arten verloren. Eine effektive Ergänzung und Erweiterung des Prozessschutzes wäre eine (ganzjährige) Beweidung z. B. mit halbwilden Nutztieren (z. B. Galloways) oder verbliebener Wildtiere (z. B. Wisente). Diese Tiere kĂśnnen Flächen auch ohne ständige Pflegearbeit offenhalten und damit sichern. Gleichzeitig schaffen sie zahlreiche Sonderbiotope (z. B. Sandkuhlen), auf die wiederum zahlreiche seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten angewiesen sind. In aller Regel benĂśtigen diese groĂen Pflanzenfresser aber einen Zaun, was womĂśglich mit dem Wildnisgedanken vieler Protagonisten â v. a. in Mitteleuropa â schwierig zu vereinen wäre, obwohl bspw. die Serengeti als eines der Inbegriffe fĂźr intakte Wildnis vollständig umzäunt ist.cite-ref-naturlandschaft-71-0[71]
⢠Wildnisentwicklung ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit grĂśĂerem Artenreichtum. Prozessschutz (s. o.) fĂźhrt zumindest auf gut nährstoffversorgten, mitteleuropäischen Standorten i. d. R. zuerst zu einer massenhaften Vermehrung ohnehin häufiger Arten (z. B. WeidenrĂśschen, Brennnesseln, Brombeeren, Adlerfarn, Birken). Auch in vielen Waldtypen kĂśnnen Ăźber viele Jahre hinweg, nischenarme Systeme persistieren. Erst mit dem Anwachsen des Totholzvolumens ist mit einem nennenswerten Beitrag fĂźr den Biodiversitätsschutz zu rechnen. Da dieser Prozess v. a. viel Zeit benĂśtigt, viele Arten aber akut gefährdet sind, stellt sich die Frage, ob die Ausweisung in Mitteleuropa abseits natĂźrlich-dynamischer Räume (z. B. Flussauen), aufgrund dessen StĂśrungsregime viele seltene und gefährdete Arten Lebensräume finden, zur Linderung der Gefährdungslage vieler Lebewesen mittelfristig beitragen kann.cite-ref-naturlandschaft-71-1[71]
Nicht erst seit dem Vorschlag des Berlin-Instituts zur Wildnisentwicklung in groĂen Teilen des Bundeslandes Brandenburg herrscht eine fachliche Debatte Ăźber das FĂźr und Wider von Wildnis. Die Bundesregierung hat im Rahmen der Entwicklung der nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS) fĂźr Wildnisgebiete eine Zielvorstellung von 2 % der terrestrischen Landesfläche vorgesehen (rund 714.000 ha). Das Ziel ist in der NBS quantitativ definiert und wird beispielsweise von der Zoologischen Gesellschaft befĂźrwortet. Dabei steht ein âLaufenlassenâ der Natur im Vordergrund (âNatur Natur sein lassenâ).cite-ref-72[72] Dieses Vorgehen wurde zunächst von einigen Ăkologen kritisiert, die fĂźr die Ausweisung von Wildnis in stĂśrungsreichen Landschaftsausschnitten plädierten, da hier weitere co-evolutive Prozesse fĂźr mehr Artenreichtum sorgen. Auch der Einsatz von halbwilden Weidetieren auf Wildnisflächen wurde befĂźrwortet, da diese Arten initiale Lebensräume fĂźr andere bereiten kĂśnnen (z. B. Dung, Totholz durch Schälen, Sandkuhlen). Argumentiert wurde mit dem begrenzten Flächenzugriff des Naturschutzes, nach dem ein groĂflächiges nationales Vorhaben wie das des Wildnisziels der NBS auch einen mĂśglichst optimalen Mehrwert fĂźr die bedrohte Tier- und Pflanzenwelt erzeugen mĂźsse.cite-ref-naturlandschaft-71-2[71] Diese Argumentation wurde zunächst kaum beachtet. Anfang 2020 verĂśffentlichte der Wissenschaftliche Beirat fĂźr Waldpolitik und der Wissenschaftliche Beirat fĂźr Biodiversität und Genetische Ressourcen beim Bundesministerium fĂźr Ernährung und Landwirtschaft einen Bericht, der diese Punkt inhaltlich identisch wiedergibt und die Wirksamkeit im Sinne des Biodiversitätsschutzes von Wildnis ebenfalls v. a. in stĂśrungsreichen Lebensräume sieht.cite-ref-73[73]
Philosophische Betrachtungen
In der Diskussioncite-ref-decker-49-3[49] um âneue Wildnisseâ gibt es sicherlich gute GrĂźnde fĂźr und gegen die Details der entsprechenden Konzepte. Die Grundsatzfrage ist jedoch, ob der Mensch bereit ist, ein âGrundrecht der Naturâ anzuerkennen oder seine Vorstellungen von Natur hĂśher zu bewerten. Der amerikanische Ăkologe Aldo Leopold hat diese Philosophie drastisch formuliert:
âWildnis ist eine Absage an die Arroganz des Menschen.â
Hubert Weinzierl, ehemaliger Vorsitzender des Bundes Naturschutz, hat ein diplomatisches Plädoyer fßr die Wildnis abgegeben. Er schrieb 1998:
âWollen wir eine Momentaufnahme menschengemachter Landschaft fĂźr immer konservieren oder wollen wir die Natur an sich schĂźtzen? (âŚ) Wir sollten (âŚ) wieder viel mehr den Mut zur Wildnis beweisen und uns nicht mit ein paar âBiotopenâ, als Landschaftsalmosen sozusagen, abspeisen lassen. Vielmehr sollten die Naturschutzgebiete als Perlen eingebettet sein in eine Landschaft, mit der wir insgesamt anständiger umgehen. Wir brauchen also kĂźnftig den Naturschutz auf der Gesamtfläche. Und wir brauchen wieder einen Hauch von Wildnis in unserem Lande, damit wir uns nicht ganz von der Natur entfernen. Das bedeutet einige Korrekturen in unserer Denkweise: (Dazu gehĂśrt auch) das Eingeständnis bei uns NaturschĂźtzern selbst, dass manche Pflege-Manie letztlich dem anthropozentrischen Wunschdenken entspricht, die Natur so zu bewahren, wie wir sie gerne haben mĂśchten.â
Der amerikanische Schriftsteller Edward Abbey schrieb in Desert Solitaire:
â[âŚ] Wildnis ist kein Luxus, sondern ein BedĂźrfnis des menschlichen Geistes, so lebenswichtig wie Wasser und gutes Brot. Eine Zivilisation, die das wenige zerstĂśrt, was von der Wildnis Ăźbrig ist, das Spärliche, das UrsprĂźngliche, schneidet sich selbst von ihren UrsprĂźngen ab und begeht Verrat an den Prinzipien der Zivilisation.âcite-ref-74[74]
âAber die Liebe zur Wildnis ist mehr als ein Hunger nach dem, was auĂerhalb unseres EinfluĂbereichs liegt; sie ist ein Ausdruck der Loyalität zur Erde, der Erde, die uns hervorbringt und ernährt, die einzige Heimat, die wir je kennen werden, das einzige Paradies, das wir benĂśtigen â wenn wir denn die Augen hätten [es] zu sehen.âcite-ref-75[75]
Henry David Thoreau, der amerikanische Schriftsteller, Unitarier, Philosoph und Mitbegrßnder des Transzendentalismus war ein starker Verfechter der Wildnis und forderte auf, sie als Üffentlich zugängliches Land zu bewahren. In seinem Essay Walking beschreibt er Wildnis als einen Schatz, der erhalten werden muss, anstatt geplßndert zu werden:
âIch wĂźrde gerne ein Wort Ăźber die Natur aussprechen, fĂźr absolute Freiheit und Wildheit, wie sie sich gegenĂźber einer Freiheit und lediglich zivilen Kultur abhob â um Menschen als Bewohner betrachten, oder ein Teil oder StĂźck der Natur, anstatt eines Mitglieds einer Gesellschaft.âcite-ref-76[76]
âLeben ist Wildheit. Am lebendigsten ist der Wildeste.âcite-ref-77[77]
Siehe auch
Dokumentarfilme
Literatur
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⢠Hans Peter Duerr: Traumzeit. Ăber die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1985.
⢠Elsbeth Flßeler, Marco Volken, Matthias Diemer (Hrsg.): Wildnis. Ein Wegbegleiter durchs Gebirge. Mit einem Vorwort von Franz Hohler und 24 Originalbildbeiträgen. Rotpunktverlag, Zßrich 2004.
⢠Anne HaĂ, Deborah Hoheisel, Gisela Kangler, Thomas Kirchhoff, Simon Putzhammer, Markus Schwarzer, Vera Vicenzotti, Annette Voigt: Sehnsucht nach Wildnis. Aktuelle Bedeutungen der Wildnistypen Berg, Dschungel, Wildfluss und Stadtbrache vor dem Hintergrund einer Ideengeschichte von Wildnis. In: Thomas Kirchhoff, Vera Vicenzotti, Annette Voigt (Hrsg.): Sehnsucht nach Natur. Ăber den Drang nach drauĂen in der heutigen Freizeitkultur. transcript, Bielefeld 2009, S. 107â141.
⢠Sabine Hofmeister: Verwildernde Naturverhältnisse. Versuch Ăźber drei Formen der Wildnis. In: Das Argument, Jg. 50 (2008), Heft 279, S. 813â826.
⢠Deborah Hoheisel, Gisela Kangler, Ursula Schuster, Vera Vicenzotti: Wildnis ist Kultur. Warum Naturschutzforschung Kulturwissenschaft braucht. In: Natur und Landschaft. 85 (2), 2010, S. 45â50.
⢠Thomas Kirchhoff, Ludwig Trepl (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ăkosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. transcript, Bielefeld 2009.
⢠Thomas Kirchhoff, Vera Vicenzotti: A historical and systematic survey of European perceptions of wilderness. In: Environmental Values. 23 (4), 2014, S. 443â464.
⢠Patrick Kupper: Wildnis schaffen: Eine transnationale Geschichte des Schweizerischen Nationalparks. Haupt, Bern 2012.
⢠Roderick Frazier Nash: Wilderness and the American mind. Fourth edition. Yale University Press / Yale Nota Bene, New Haven / London 2001.
⢠Max Oelschlaeger: The idea of wilderness: from prehistory to the age of ecology. Yale University Press, New Haven / London 1991.
⢠Gert Rosenthal, Andreas Mengel, Albert Reif, Stefanie Opitz, Nicole Reppin, Nicolas Schoof: Umsetzung des 2 %-Ziels fĂźr Wildnisgebiete aus der Nationalen Biodiversitätsstrategie. BfN, Bonn â Bad Godesberg 2015.
⢠Matthias Stremlow, Christian Sidler: Schreibzßge durch die Wildnis. Wildnisvorstellungen in Literatur und Printmedien der Schweiz. Haupt, Bern 2002.
⢠Nicolas Schoof: Ziele und Kriterien der Vision âWildnisgebieteâ aus der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. Freidok, Freiburg 2013.
⢠Vera Vicenzotti: Der âZwischenstadtâ-Diskurs. Eine Analyse zwischen Wildnis, Kulturlandschaft und Stadt. transcript, Bielefeld 2011.
⢠WWF Deutschland (Hrsg.): Weisheit der Wildnis â Unser Umgang mit der Erde. Pro Futura, MĂźnchen 1995.
Weblinks
Commons
: Wildnis
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Wildnis
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
Interaktive Karten
⢠Last of the wild, Wildnisgebiete mit Biomzuordnung, Columbia University, 1995â2004
⢠Global forest Change, Intakte Waldwildnis contra Waldvernichtung
⢠Roadless-Map, Karte zu den straĂenlosen Gebieten der Erde als Indikator fĂźr Wildnis
⢠wilderness-Map, Wildnis-Gebiete der USA
Organisationen
⢠Wild Europe, europäische Wildnisschutz-Initiative
⢠European Wilderness Society, Europas Wildnisschutz-Organisation
⢠wildnisindeutschland.de, Protektionsseite fßr Wildnis in Deutschland der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt von 1858 e. V.
⢠Wildnisstiftung âArkâ in den Niederlanden (niederländisch, englisch)
Hintergrundwissen
Deutschland
⢠Audio: Warum wir Wildnis brauchen - MDR Wissen vom 1. Oktober 2021
⢠Lßneburger Erklärung zu Weidelandschaften und Wildnisgebieten (PDF; 40 kB)
⢠Tagungsdokumentation âWildnisgebiete in Deutschlandâ â 19. bis 22. November 2012, Bundesamt fĂźr Naturschutz â Internationale Naturschutzakademie Insel Vilm
⢠Deutsche Bundesstiftung Umwelt: Neue Wege zur Wildnis in den Wäldern des DBU Naturerbes. (Memento vom 2. April 2015 im Internet Archive). Presseerklärung vom 18. September 2009
⢠Bayerische Akademie fßr Naturschutz und Landespflege: Wildnis als Kulturaufgabe Bericht einer Tagung vom 8. bis 9. Dezember 2008
⢠Projektgruppe Wildnis â Wildnis als kulturelle Idee. (Memento vom 22. Februar 2011 im Internet Archive). Lehrstuhl fĂźr LandschaftsĂśkologie der TU MĂźnchen
⢠âWildnis im Dialog. Wege zu mehr Wildnis in Deutschlandâ Dokumentation und ausgewählte Beiträge zum BfN-Workshop 2014
Ăbersee
⢠Website des Wilderness Institutes der University of Montana, des Arthur Carhart National Wilderness Training Center und des Aldo Leopold Wilderness Research Institute (englisch)
⢠D. R. Williams: The Social Construction of Arctic Wilderness: Place Meanings, Value Pluralism, and Globalization. (PDF; 587 kB). 2011
Philosophie
⢠Eintrag Wildnis im Online-Lexikon Naturphilosophische Grundbegriffe.
Einzelnachweise
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cite-note-22. â Siehe z. B. Category 1b Wilderness Area. (Memento vom 10. November 2009 im Internet Archive). Bei: iucn.org. âCategory Ib protected areas are usually large unmodified or slightly modified areas, retaining their natural character and influence, without permanent or significant human habitation, which are protected and managed so as to preserve their natural condition.â
cite-note-bfn-33. â Vgl. Wildnisgebiete. (Memento vom 20. Oktober 2007 im Internet Archive) Bei: bfn.de.
cite-note-44. â Thomas Kirchhoff, Ludwig Trepl: Landschaft, Wildnis, Ăkosystem: Zur kulturell bedingten Vieldeutigkeit ästhetischer, moralischer und theoretischer Naturauffassungen. Einleitender Ăberblick. In: Dies. (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ăkosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. transcript, Bielefeld 2009, S. 13â66.
cite-note-55. â Deborah Hoheisel, Gisela Kangler, Ursula Schuster, Vera Vicenzotti: Wildnis ist Kultur. Warum Naturschutzforschung Kulturwissenschaft braucht. In: Natur und Landschaft. 2010/85 (2), S. 45â50.
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cite-note-77. â Sabine Hofmeister: Verwildernde Naturverhältnisse. Versuch Ăźber drei Formen der Wildnis. In: Das Argument, Jg. 50 (2008), Heft 279, S. 813â826, hier S. 813.
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cite-note-7070. â Siehe hierzu systematisch am Beispiel des Bayerischen Waldes: Gisela Kangler: Von der schrecklichen Waldwildnis zum bedrohten WaldĂśkosystem â Differenzierung von Wildnisbegriffen in der Geschichte des Bayerischen Waldes. In: T. Kirchhoff, L. Trepl (Hrsg.): Vieldeutige Natur. Landschaft, Wildnis und Ăkosystem als kulturgeschichtliche Phänomene. transcript, Bielefeld, S. 263â278; G. Kangler, U. Schuster: Naturschutz im Nationalpark: Ist der âBorkenkäferwaldâ Natur? Was kulturwissenschaftliche Analysen eines Naturschutzkonfliktes zu seiner LĂśsung beitragen kĂśnnen. Laufener Spezialbeiträge, 2011 (1), S. 139â143.
cite-note-naturlandschaft-7171. â Nicolas Schoof, Rainer Luick, Herbert Nickel, Albert Reif, Marc FĂśrschler, Paul Westrich, Edgar Reisinger: Biodiversität fĂśrdern mit Wilden Weiden in der Vision "Wildnisgebiete" der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt. In: Natur und Landschaft. Nr. 7, 29. Juni 2018, S. 314â322 (Online [abgerufen am 20. April 2019]).
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cite-note-7676. â H. D. Thoreau: Walking â Part 1 of 3. (Memento vom 23. August 2017 im Internet Archive) Bei: thoreau.eserver.org.
cite-note-7777. â H. D. Thoreau: Walking â Part 2 of 3. (Memento vom 21. November 2009 im Internet Archive) Bei: thoreau.eserver.org.